Reisebericht: Teehauskultur in Chengdu

Travel stories  /  19. March 2026
Die Teehauskultur in Chengdu und allgemein in der Provinz Sichuan ist einzigartig. Lukas und Kaspar Lange haben während ihres Aufenthalts zum Chinesischlernen etliche besucht. Vom traditionellen, in der Zeit stehengebliebenen Teehaus aus der Zeit der Kulturrevolution bis zum hippen Milk-Tea-Laden.

Ältere Teehäuser und diejenigen in den öffentlichen Parks

Sichuan und seine Hauptstadt Chengdu sind seit alters her für ihre Teehauskultur berühmt. Auch wenn in der Maozeit das Teehaus als bürgerliche Institution der alten Zeit verpönt war, hat die Teehauskultur überlebt und besteht weiter.

Einige ganz alte, ursprüngliche und urchige Teehäuser existieren noch heute. Diese liegen eher ausserhalb der Stadt, zum Beispiel im Dorf Pengzhen, welches trotz des Zusammenwachsens mit der Stadt Chengdu einen dörflichen Charakter behalten hat. Die dörfliche „Altstadt“ ist gut erhalten und voller Teehäuser und kleiner Läden, schon auf Besucher eingerichtet, jedoch nicht übermässig touristisch. Das wohl bekannteste Teehaus vor Ort ist noch in einem Zustand von ungefähr 1970. An den Wänden sind noch heute Parolen der Kulturrevolution zu sehen.

Zu den älteren (wohl wiederauferstandenen) Teehäusern gehören auch die unzähligen Teehäuser in den Parks, die zwar nicht ganz so alt scheinen, also irgendwann ab den 80er Jahren renoviert wurden. Obwohl es auch Sitzplätze im Inneren gibt, ist das Teehaus im Park grösstenteils draussen, im Schatten der Bäume oder unter Schirmen. Man sitzt meist auf Bambusstühlen, trinkt Tee und schaut den anderen zu, liest, ist in Gespräche vertieft oder mit dem Smartphone beschäftigt.

Modernere Varianten bis zum Milk Tea

Weiter sind in den Gebieten mit Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel auf den Tempelwegen zum Emeishan oder zum Qingchengshan und anderswo, häufig einfache „Teehäuser“ zu finden, mehr oder weniger alt oder moderner, einige Tische drinnen und/oder draussen am Wegrand.

In den Städten existieren unzählige moderne Teehäuser in verschiedenen Varianten, im Normalfall drinnen, oder sogar in irgendeinem Stockwerk eines Hochhauses. Das Spektrum reicht vom gediegenen Teetrinken bis zu Mahjong-Spielhallen. Oft sind es spannende Verbindung von alt und neu, es gibt auch Teehäuser in ehemaligen Fabriken, architektonisch und von de riNNenausstattung her interessant.

Der neuste Trend übrigens, entstanden in den letzten 10-15 Jahren, ist das auftauchen der Milk-Tea-Läden, meist in urbanen Zentren, dort aber in unzähligen Varianten. Wohl inspiriert von der englisch-chinesischen Variante des Teetrinkens in Hongkong und vom taiwanesischen Bubble Tea. Dort gibt es Teegetränke in allen Formen und Farben, meist mit Milk, oft eisgekühlt, selten mit wirklichem Tee.

Wie wird im Teehaus Tee genossen?

Entgegen der Vorstellungen im Westen ist das Teehaus viel mehr Kneipe zum rumhängen als ein Ort des Teegenusses. Es wird diskutiert oder geplaudert, geraucht, geknabbert (vor allem Sonnenblumenkerne mit Schale), oder wie geschrieben, auf’s Smartphone geschaut (der neue beste Freund des Menschen). Übrigens kann man meistens ganz gut vollständige Mahlzeiten essen. Ein Teehaus ist oft auch ein Restaurant.

Ein spezielles Vergnügen ist das 采耳 Cai Er, Ohrenpicken. Es gehört zur Teehauskultur dazu und ist eine alte Praxis mindestens seit der Song-Dynastie. Obwohl der ganze Ohrenschmalz herausgeputzt wird, ist es weniger eine medizinische Angelegenheit, vielmehr dient es der seelischen Entspannung. Nach dem Putzen lässt der/die Ohrenputzer/in eine Stimmgabel erklingen, wodurch sozusagen der Gehörgang massiert wird. Naben dem Ohrenpicken bieten sie auch Rücken-Nacken-Schulter-Massagen im Sitzen an.

Was für Tee wird in solchen Teehäusern denn ausgeschenkt? Natürlich gibt es Teehäuser, wo es wirklich um den Tee als Genussmittel, als Produkt geht, die eine grosse Auswahl anbieten mit allen sechs Verarbeitungsarten, mit verschiedenen Zubereitungen, Gongfucha natürlich auch. Dort wird normalerweise auch gutes Wasser verwendet - in den meisten klassischen Teehäusern wird Hahnenwasser aufgekocht, und das ist nun wirklich kein Genuss, meistens schmeckt man auch das Chlor heraus.

Weitere Tees und die okale Zubereitungsart

Doch in vielen Teehäusern geht es um das soziale Zusammensein, um Müssiggang, mit Tee als Begleitgetränk. Meistens ist dann auch nur eine Sorte im Angebot, normalerweise Sichuan-Grüntee mit Jasmin, wenn zwei Sorten, dann noch ein einfacher lokaler Maofeng-Grüntee. Oft werden daneben auch die berühmten Tees der Provinz angeboten, die Grüntees Zhu Ye Qing und Meng Ding Gan Lu, seltener auch der Gelbtee Meng Ding Huang Ya. Vereinzelt werden auch Tees aus anderen Regionen Chinas angeboten, die berühmten Oolong Tieguanyin und Dahongpao, oft auch Schwarztees.

Die Zubereitung ist einzigartig, eine lokale Tradition, die sich hier erhalten hat und nirgendwo sonst praktiziert wird: der Tee wird in einem grossen Gaiwan aufgegossen. Man hält den Unterteller in der einen Hand, während man mit der anderen Hand den Deckel leicht zurückschiebt, um das Herausrutschen der Teeblätter zu verhindern; er fungiert also als eine Art Sieb. Dazu kriegt man eine Thermoskanne, womit man immer wieder heisses Wasser nachgiessen kann. Selbstverständlich kann noch mehr Wasser kostenlos bestellt werden.

Das alte Teehaus Guanyinge in Pengzhen. Hier wird das Wasser sogar noch auf kohlebeheizte Öfen gekocht.
Wasserkochen, in Thermoskannen abfüllen und angebotene Tees
Eindrücke aus diversen Teehäusern in Parks
Ein gediegenes Teehaus mit grosser Teeauswahl und einer dieser Milk-Tea-Läden

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